Stückwahl

Ist der letzte Vorhang gefallen, wird bei den meisten Theatervereinen erst mal ausgeruht. Irgendwann lässt es sich aber nicht mehr hinausschieben, dem Vorstand beginnt es zu dämmern, wir brauchen ein neues Stück. Die Stückwahlkommission, sofern es eine gibt, wird mit der Stückwahl beauftragt. Und das ist erfahrungsgemäss alles andere als einfach. Vor allem wenn man, wie gewohnt, unter Zeitdruck steht. Man erinnert sich noch an die letzten Jahre und an die vom vielen Lesen roten und schmerzenden Augen. Aber es hilft nicht, will man seine Zuschauer wieder mit einer Theateraufführung erfreuen, führt kein Weg an dieser Tortur vorbei. Man geht wieder einmal mehr  

Den gewohnten Weg zum geeigneten Stück

  • Einen Monat vor Probebeginn bestelle ich bei den gängigen Verlagen eine Auswahl an Textheften
  • Ich lese alle Manuskripte von Anfang bis zum Ende durch
  • Ich prüfe die Texte auf träffe Sprüche
  • Ich suche nach der Bombenrolle für mich.

Das sollte natürlich ein Witz sein. Aber Hand aufs Herz, so läuft es doch meistens ab.

Der bessere Weg zum geeigneten Stück

  • Ich eigne mir eine Handvoll dramaturgische Grundkenntnisse an.
  • Ich besuche über das ganze Jahr interessante Theateraufführungen.
  • Ich lese übers ganze Jahr interessante Theaterstücke.
  • Ich ziehe frühzeitig die Regie in die Stückwahl mit ein.
  • Ich bestelle ganz gezielt die in Frage kommenden Manuskripte.
  • Diese Texte prüfe ich seriös und wende die mir angeeigneten Grundkenntnisse der Dramaturgie an.

Dramaturgische Kenntnisse, die bei der Stückwahl hilfreich sind

Die Exposition

Die Exposition führt den Zuschauer in die Geschichte ein und gibt ihm die dafür notwendigen Informationen. Das Problem der Exposition ist, dass sie nur für das Publikum notwendig ist. In den meisten Fällen enthüllt die Exposition, was die Figuren bereits wissen. Aber der Zuschauer muss es, um die Geschichte zu verstehen, auch wissen. Die Vermittlung dieser Informationen sollte ohne Kommentare auskommen. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn auf der Bühne eine Figur, nur um den Zuschauer zu informieren, einer anderen etwas erzählt, was diese längstens weiss. Leider kommt dies in sehr vielen Stücken vor und ist ein Zeichen für dessen Schwäche. Genau so übel sind Tricks wie Telefongespräche, oder vorgelesene Briefe, die das Publikum über den Charakter einer Figur informieren. Jede Figur muss selber, durch ihr Handeln, ihren Charakter offenlegen. 

Der Protagonist

Als Protagonist bezeichnet man die zentral handelnde Person. Ohne Protagonisten gibt es keine Geschichte. Er erzeugt den Konflikt und treibt das Stück voran. Der Protagonist ist somit die treibende Kraft, aber nicht weil er es will, sondern weil er durch Umstände dazu gezwungen wird und für ihn etwas Entscheidendes auf dem Spiel steht.

Der Antagonist

Der Antagonist ist der Gegenspieler des Protagonisten und will mit allen Mitteln verhindern, dass dieser sein Ziel erreicht. Er muss dem Protagonisten mindestens ebenbürdig sein. Beim Antagonisten muss es sich nicht zwingend um eine Person handeln. Es kann sich auch um eine Personengruppe handeln. In Shakespeares "Romeo und Julia" sind die Capulets, Julias Familie, Romeos Antagonist. Für einen Bergsteiger ist möglicherweise der Berg sein Antagonist, für einen Polarforscher das unbarmherzige Klima, gegen das er ankämpfen muss.

Der Konflikt

Ein Theaterstück ist vergleichbar mit einem Fussballspiel. Ein Fussballspiel ist ebenfalls ein Konflikt. Das Ziel ist der Sieg, um den erbittert und zäh gekämpft wird. Es folgen Angriff auf Gegenangriff. Bei zwei ebenbürdigen, entschlossen und kompromisslos um den Sieg kämpfenden Mannschaften ensteht ein wachsender Konflikt, der sich mit zunehmender Spieldauer steigert. Sind die Kräfteverhältnisse der beiden Mannschaften sehr unterschiedlich und liegt das eine Team bereits nach kurzer Zeit uneinholbar mit 8:0 in Führung, verliert das Publikum  das Interesse und die Ränge beginnen sich zu lichten.
Das gleiche gilt für ein Theaterstück. Nur wenn der Protagonist sein Ziel mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln rücksichtslos und entschlossen zu erreichen sucht und ihm dabei ein mindestens ebenbürdiger Antagonist gegenüber steht, kann ein spannendes Theaterstück entstehen. Ohne Konflikt kein Theater. Wenn die Familien von Romeo und Julia befreundet wären, würde die Heirat der Beiden keinen Konflikt auslösen. Die Geschichte wäre ohne Spannung und das berühmte Theaterstück würde niemanden vom Hocker reissen.

Äusserer Konflikt

Ein äusserer Konflikt entsteht, wenn sich eine Figur, eine Personengruppe oder eine andere Kraft den Zielen des Protagonisten entgegenstellt.

Innerer Konflikt

Ein innerer Konflikt entsteht im Inneren des Protagonisten, oder natürlich auch des Antagonisten, der zwischen zwei Entscheidungen hin- und hergerissen ist. Ein Beispiel für inneren Konflikt: nicht gleichzeitig zwei verschiedene Partner heiraten zu können, oder stärker, entweder den Freund ans Messer zu liefern oder selber zu Grunde zu gehen.
Ursachen von inneren Konflikten können sein: Rollenzwang, übertriebene Verhaltensnormen, Entscheidungsschwäche, Minderwertigkeitskomplexe, Schüchternheit. Die Ursachen liegen immer in der Psyche des Protagonisten oder natürlich auch des Antagonisten. Der innere Konflikt äussert sich häufig in Monologen in gegensätzlichen Handlungen, oder in Gesprächen mit einer vertrauten Person. Ein wirklich gutes Theaterstück kommt nicht ohne inneren Konflikt aus. Der innere Konflikt gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, die Figur zu verstehen und sich mit ihr zu identifizieren.

Steigerung und Auflösung des Konflikts

Der Konflikt sollte zu Beginn des Stücks zumindest angedeutet sein. Wenn sich z.B. ein Atheist und ein fanatischer Gläubiger gegenüberstehen verspricht allein diese Konstellation kommenden Ärger. Durch diesen angekündigten Konflikt entsteht auch automatisch Spannung. Der Konflikt muss sich im Verlaufe der Handlung unaufhaltsam steigern. Die anschliessende Auflösung sollte möglichst kurz sein und muss durch den Protagonisten erfolgen. Erfolgt die Auflösung durch eine übernatürliche Gewalt, ein besonderes Ereignis oder eine fremde Person, die unvermittelt in die Handlung eingreift, spricht man von "Deus ex Machina". Diese Art der Auflösung offenbart mangelnde Fähigkeiten des Autors.

Die dramatischen Wendepunkte

Jedes gute Theaterstück enthält mindestens zwei wichtige dramatische Wendepunkte. Als dramatischen Wendepunkt bezeichnet man ein Ereignis, welches der Handlung eine komplet andere Richtung gibt. Der erste dieser Wendepunkte sollte am Ende des ersten Aktes sein, der zweite am Ende des zweiten Aktes. Dazwischen sind idealerweise weitere kleinere Wendepunkte über alle Akte verteilt.

Die Entscheidung für oder gegen ein Stück

Wenn nach den ersten 15 Seiten, oder sagen wir mal grosszügig im 1. Akt, die nachstehenden fünf Fragen nicht beantwortet sind, kannst Du das Manuskript getrost zur Seite legen. Es taugt nichts.

  • Wer sind die Hauptfiguren?
  • Was ist die Ausgangssituation?
  • Wo spielt die Geschichte?
  • Um was geht es in der Geschichte?
  • Was ist der Konflikt?

Nun hat sich wahrscheinlich die Auswahl der in Frage kommenden Theatertexte schon merklich gelichtet.

Bei den verbliebenen Stücke frage ich mich:

  • Legen die Figuren ihren Charakter durch ihr Handeln offen, oder benutzt der Autor dazu Kommentare?
  • Gibt es mindestens zwei Wendepunkte?
  • Ist ein innnerer Konflikte erkennbar?
  • Steigert sich der Konflikt.
  • Werden die Hindernisse die der Protagonist überwinden muss im Verlaufe des Stücks immer höher?
  • Wird die Auflösung am Schluss durch den Protagonisten herbeigeführt?

Wenn ich alle diese Fragen mit Ja beantworten kann, handelt es sich zumindest um dramaturgisch gut gebaute Stücke. Unter den nun verbliebenen Texten kann ich mich nun auf die übrigen Kriterien, wie verfügbares Ensemble, verfügbare Technik, persönlicher Geschmack usw. konzentrieren.